Warum Kirchen für die Ahnenforschung so wichtig sind

Erstellt von Claudia Rathmoser | | Geschichten & Personen

Ahnenforscher Klaus Rienesl über die Bedeutung kirchlicher Dokumente

Foto: Claudia Rathmoser

Der Linzer Mariendom erzählt viele Geschichten. Während die einen in den Fensterbildern nach ihren Vorfahren suchen, sind es für die anderen Dokumente längst vergangener Zeiten, die Rückschlüsse auf ihre Ahnen zulassen. So wie für den passionierten Ahnenforscher Klaus Rienesl. Was für ihn vor 32 Jahren als Hobby begann, ist heute weit mehr als das: Der Ahnenforscher verbringt viele Stunden in den Archiven der Pfarren, entschlüsselt tagelang Handschriften und fertigt Stammbäume bis 450 Jahre in die Vergangenheit an. Grund genug, den Experten zum Gespräch zu bitten, um auch diese Seite unseres Bauwerks nähere Betrachtung zu schenken.

Warum Ahnenforscher eine besondere Verbindung zu Pfarren haben…

„Ahnenforscher gehen gerne in die Kirchen und sehen sich auf den Friedhöfen die alten Gräber an“, erzählt der Wilheringer, der auch direkt vor dem Interview dem Mariendom noch einen Besuch abstattete. „In der Ahnenforschung gibt es drei wichtige Dokumente, aus denen sich die Stammbaumlinien herausfinden lassen: Das Geburtenbuch, das Sterbebuch und das Trauungsbuch. Da die letzten 100 Jahre bis heute datenschutzrechtlich geschützt sind, beginnt meine Recherche in den von den damaligen Pfarrern handschriftlich verfassten alten Büchern vor 1923“, so der Ahnenforscher über die Grundzüge dieser zeitaufwändigen Tätigkeit. Ab ca. 1630 beginnen die lückenlösen Aufzeichnungen in unseren heimischen Pfarrmatriken, für die Zeit davor muss in alten Herrschaftsbüchern recherchiert werden. Ein Stammbaum bei Rienesl verfolgt die Ahnen auf direktem Weg soweit zurück, wie dies möglich ist – das kann bis zu 450 Jahre sein sowie 200-250 Jahre in den Seitenlinien. Bei einem Auftrag liefert er auch eine genaue Beschreibung mit, die bis zu 50 Seiten umfassen kann. Er selbst kann seine Ahnen auf allen Linien bis zu 450 Jahre zurückverfolgen.

Warum schön schreibende Pfarrer ein Segen sind…

Wichtige Grundlage bei dieser spannenden Tätigkeit ist die Fähigkeit, Kurrentschrift zu lesen und generell Handschriften entziffern zu können. „Es ist eine große Herausforderung, die Schriften und Abkürzungen der damaligen Pfarrer zu entziffern. Da kann es schon einmal vorkommen, dass ich zum Beispiel auf der Suche, wofür die Abkürzung Balt. genau steht, drei Tage lang bis zu zehn Jahre zurück die Schriften des jeweiligen Pfarrers studiere. In diesem Fall war es übrigens ein Balthasar“, schmunzelt der sympathische Ahnenforscher über die „Detektivarbeit“, die ihn schon in viele heimische Pfarren geführt hat. Man liest dabei nicht nur Informationen über die Namen und Verbindungen heraus, sondern auch über die Schicksale der Pfarrer oder die Geschehnisse der jeweiligen Zeit. „Es kommt dann auch mal vor, dass ein Pfarrer, der einst eine wunderschöne Schrift hatte, plötzlich eine richtige Sauklaue hat. Durch Zusatzrecherche in Pfarrbüchern findet man dann heraus, dass dieser einen Schlaganfall erlitten hatte. Dann kann es bis zu zehn Stunden dauern, um einen einzigen Buchstaben zu entziffern. Auch richtige Dramen und Epidemien lassen sich aus diesen Dokumenten herauslesen. In Familien, bei denen die Mutter beispielsweise sehr viele Kinder bekommen hat, kamen einst häufig die sogenannten „Fraisen“ vor. Das war ein Vitaminmangel, bei dem die Babys dann letztlich an einem Schreikrampf gestorben sind. Auch die Pocken führten zu hoher Kindersterblichkeit. Da blättert man auf einmal seitenweise durch Totenbücher, wo in manchen Gemeinden täglich ein Kind gestorben ist und sich die Einwohnerzahl rasch halbiert hat“, ist der Ahnenforscher über die Schicksale vergangener Zeiten betroffen.  

Warum Recherchen im Mariendom gar nicht so einfach sind…

Während heute der Großteil der Dokumente bereits in der Matricula-Datenbank des Landesarchivs verfügbar sind, sah das vor 30 Jahren naturgemäß noch ganz anders aus. Für die Ahnenforschung in den Pfarren bedarf es einer Legitimation vom Bischof. Rienesl führten seine Recherchen für einen Stammbaum unter anderem auch in den Linzer Mariendom. „Prinzipiell tun sich Ahnenforscher natürlich in einer Stadt wie Linz mit 13 Pfarren mit ihren Recherchen schwer. Wenn man nur liest, dass jemand in Linz geboren ist, weiß man schon, dass man die Nadel im Heuhaufen suchen muss. Dennoch habe ich einst bei meinen Recherchen nach einem Tagwerker aus Linz nicht aufgegeben. Und umso schöner war es dann, dass ich nach schier endloser Suche beim Mariendom fündig geworden bin. Der besagte Tagwerker war sogar beim Bau des Linzer Doms mit dabei, wie ich aus einer Urkunde des damaligen Dombaumeisters herausgelesen habe. Das war dann auch für den 70-Jährigen, für den ich diese Ahnenforschung durchgeführt habe, eine ganz besondere Überraschung“, erinnert sich Rienesl, der ihn seiner Passion voll aufgeht und sein Wissen gerne in Vorträgen weitergibt. Für ihn steht fest:  Bauwerke wie der Mariendom sind nicht nur wichtige Denkmäler, sondern Zeitzeugnisse, die die Vergangenheit zum Leben erwecken und spannende Geschichten zu erzählen haben.

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