„Meine Dankbarkeit ist groß“: Im Gespräch mit einem Turmeremiten

Erstellt von Sarah-Allegra | | Geschichten & Personen

Wilfried Ulamec erzählt über seine Erfahrungen als Turmeremit

Im Zweiten Weltkrieg eingebaut und vermutlich als Beobachtungsposten genützt, steht die Türmerstube im Mariendom seit 2009 allen Menschen offen, denen es nach Stille verlangt. 68 m über den Dächern der Stadt gelegen ist die Eremitage ein Ort, in dem man sich als Turmeremit in Ruhe und fernab aller Ablenkungen ganz mit sich selbst beschäftigen, den individuellen Sinn des Lebens ergründen und das eigene Leben überdenken kann. Wilfried Ulamec hat als Turmeremit Nr. 260 die Türmerstube im Jänner 2019 für eine Woche bewohnt.Im Interview lässt er uns an seinen Beweggründen, Gedanken und Erfahrungen teilhaben.

Vom Pilger zum Turmeremiten

Als wir Wilfried Ulamec zum Gespräch treffen, kommt er direkt aus dem Mariendom, um diesem einen Besuch abzustatten. So hält der Salzburger es immer, wenn er nach Linz kommt. Danach wird er die nächste Pilgerreise beginnen, die er seit seinem 70. Lebensjahr jährlich unternimmt – heute ist er 84 Jahre alt.

Nach zahlreichen Berufsjahren, einer zeitintensiven Nebentätigkeit im Sport und vielen weiteren Jahren, die er der Arbeit mit Jugendlichen widmete, blieb Ulamec wenig Zeit für sich selbst. „35 Jahre verbrachte ich beruflich im Salzburger Landesdienst, die letzten zehn Berufsjahre als Verwalter einer sozialen Einrichtung. In meiner Freizeit war ich 30 Jahre für einen Sportfachverband in mehreren Funktionen tätig. Nach meiner Pensionierung im Jahre 2000 war ich dann ‚hauptberuflich‘ für diesen Fachverband bis zu meinem 70. Lebensjahr aktiv. Seit 2010 begleite ich im Rahmen eines sozialen Projektes einen jungen Menschen, dessen familiäres, soziales Umfeld nicht einfach ist, auf seinem Lebensweg“, erzählt er. Und obgleich er diese Jahre als äußerst erfüllend empfand und dankbar ist, diese erlebt zu haben, begann er, die Einsamkeit zu suchen – und fand sie auf seinen Pilgerreisen: „Ich entdecke bei diesen Aktivitäten eine wunderbare Natur, aber auch — was für mich persönlich sehr bereichernd ist — viele neue, bisher nicht gekannte Seiten meines Innenlebens.“ Das Pilgern war es auch, das ihn letztendlich auf das Projekt Turmeremit brachte. Am 11. Jänner 2019 zog er für eine Woche in die Türmerstube im Mariendom.

Die Tage im Mariendom

„Die Tage im Eremitenzimmer hatten für mich einen ganz besonderen Reiz. Schon der Eintritt in den Mariendom machte mich sprachlos. Die Größe, Stille, die mächtigen, farbenfrohen Fenster…“, erinnert Ulamec sich.

Gerne denkt er an die Morgen über den Dächern von Linz. Vor dem Frühstück unternahm er einen kurzen Rundgang um den Turm und beobachtete dabei das Erwachen der Stadt: „Vor dem Frühstück   die aufwachende Stadt Linz und den wunderschönen Pöstlingberg zu sehen, die Glockentöne des Doms zu hören und nachzuspüren, war Balsam für meine Seele. Auch der tägliche Gang die 395 Stufen von meiner ‚heimatlichen‘ Stube hinunter in den Dom zur Essensabholung war ein Erlebnis. Trotz der Tatsache, dass es auch wieder 395 Stufen hinauf ging“, schmunzelt er.

Wenn man nach dem Frühstück zur Ruhe kommt, kommen einem die ersten Gedanken, weiß der erfahrene Turmeremit. Meist hat er die Zeit ins Tagebuch schreibend oder auch lesend verbracht. Nach dem Mittagessen und dem folgenden Rundgang am Turm stieg Ulamec gerne hinunter zu den Glocken, deren Klang ihn besonders beeindruckt hat.

Manchmal traf er dabei auf Touristen, die eine Führung auf den Turm unternahmen und sich sehr interessiert an seinem Aufenthalt als Turmeremit zeigten. „Diese kurzen Gespräche waren eine angenehme Abwechslung. Ich bin auch gerne zur Messe runtergegangen. Und einmal ist mir etwas Lustiges passiert. Nachdem die Pforten des Mariendoms geschlossen wurden, ging ich die Treppen von meiner Turmstube hinunter und begegnete einem fremden Mann, den ich fragte, was er hier tue. Und er antwortete, er sei der Pfarrer“, berichtet Ulamec amüsiert und weiter: „Am Abend habe ich die Lichter der Stadt Linz genossen. Und manchmal, wenn es ganz ruhig war, dann hörte ich sogar den im Turm nistenden Turmfalken“.

Zeit mit sich selbst verbringen

Was Wilfried Ulamec sogleich am Projekt Turmeremit in den Bann gezogen hat, war es, in der Turmstube ohne körperliche Anstrengung die Einsamkeit suchen zu können – ganz im Gegenteil zum Pilgern. „Im Leben nimmt man sich viel zu wenig Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen – und die Woche in der Türmerstube des Mariendoms hat mir genau das ermöglicht“, erklärt Ulamec. „Nach dem selbstgemachten Frühstück holten mich täglich meine bereits zurückgelegten Lebensjahre ein. Das ging sogar so weit, dass ich einen klareren Blick auf meine nicht problemfreie Geburt finden konnte. Jedenfalls kamen für mich die ganz wichtigen Erinnerungen hoch, die ich durch die Begleitung und Arbeit mit Jugendlichen erleben durfte. Ein Glück, dies erlebt zu haben! Meine Dankbarkeit ist groß. Die Tatsache, nach 62 Ehejahren noch meine Jugendliebe an meiner Seite zu haben, ist ein weiterer wichtiger Teil meines ‚zufriedenen‘ Daseins. Dazu gehören selbstverständlich auch der nicht mehr ganz jugendliche (2 Söhne) und jugendliche (3 Enkeltöchter) Teil meiner Familie. Ein Glück, das nicht selbstverständlich ist. Ich schätze das sehr!“

Für Ulamec war die Woche als Eremit eine sehr intensive, aber schöne Zeit. „Natürlich kommen auch negative Emotionen hoch, aber auch diesen konnte ich etwas Positives abgewinnen und alles in allem haben die positiven Erinnerungen definitiv überwogen,“ freut er sich.

Das Eremitentagebuch

„Natürlich kann die Abgeschiedenheit auch zur Belastung werden. Es läuft nicht die ganze Woche ruhig dahin und man darf sich auch nicht erwarten, dass man sich die ganze Woche über nur romantische Sonnenauf- und Untergänge ansieht. Es gab auch Phasen, in denen ich angespannt war. Wichtig war mir da das Tagebuch. Schreiben hat mir großen Halt und innere Zufriedenheit gegeben“, berichtet Ulamec. Der Turmeremit auf Zeit hat in seiner Woche im Mariendom um die 60 Seiten aufgezeichnet und das aus einem guten Grund: „Schreiben hat mich immer schon begeistert. Und in der Türmerstube hat man viel Zeit, um nachzudenken und in sich zu gehen.  Was in mir dabei hochgekommen ist, habe ich niedergeschrieben. Das hat mir sehr beim Reflektieren geholfen und war wie eine Therapie“, erklärt er.

Die Zeit in der Eremitage empfindet Ulamec als prägendes Erlebnis, das er aufgrund der Wirkung, die es auf ihn hatte, gerne noch einmal wiederholen würde: „Seit meiner Woche als Turmeremit und der damit verbundenen Beschäftigung mit vielen Themen meines Lebens sehe ich viele Dinge anders und gehe auch anders mit ihnen um. Das prägt einen schon nachhaltig. Ich finde es wunderbar, dass ich das erleben durfte und für mich ist der Mariendom seither etwas ganz Besonderes“, freut sich Ulamec. „Und ich komme wieder. Im Laufe der nächsten beiden Jahre würde ich gerne noch einmal als Eremit die Türmerstube des Linzer Mariendoms bewohnen.“

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© Andreas Krenn

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