Das „verrückte“ Weihnachtsbild

Erstellt von Martina Noll | | Fenster

Dompfarrer Maximilian Strasser im Interview

Foto: Mariendom Linz

Es ist schon ein ganz besonderes Gemäldefenster, das Fenster „Geburt Christi“ oben im Hochchor des Mariendoms. Es zeigt im Hauptbild die Heilige Familie und das Kind in der Krippe. Im Interview mit Dompfarrer Maximilian Strasser erfahren wir mehr über das Glaskunstwerk.

Herr Dompfarrer, was sehen wir in diesem Gemäldefenster?

„Es ist das erste Fenster links im Hochchor des Mariendoms, und es stellt das Weihnachtsgeheimnis dar. Wir sehen im Hauptbild das Jesus-Kind, Maria und Josef, Ochs und Esel und die Hirten, denen die Geburt Jesu verkündet wird.“

Aber irgendetwas passt da nicht, oder?

„Ja, das sieht man aber nur, wenn man ganz genau hinschaut: Beim Einbauen des Fensters wurden die mittleren zwei Teile des Hauptbildes in der zweiten Reihe von unten vertauscht. Ganz rechts unten sieht man das Jesus-Kind, dahinter zwei Engel sowie Ochs und Esel, davor kniet ein Körper mit einem blauen Gewand, darauf ein Kopf, der nach links – vom Jesus-Kind weg – schaut, dahinter eine Person, die ebenfalls nach links schaut. Diese Oberkörper gehören zu zwei Hirten, die nach links auf den Engel schauen, der die Geburt Jesu verkündet und mit der Hand nach rechts – zum Kind – weist.

Unterhalb des Engels kniet ein Hirte. Rechts davon sieht man den Kopf von Maria und den Oberkörper von Josef, die auf einem Unterleib und Füßen sitzen, deren Körperhaltung vom Kind abgewandt ist. Maria und Josef blicken natürlich zum Kind.

Es ist immer wieder erheiternd, bei Domführungen auf diese durchaus komische Situation hinzuweisen. Die Verwechslung der beiden Scheiben dürfte beim Wiedereinbau nach einer Reparatur passiert sein.“

Wird das wieder einmal in Ordnung gebracht?

„Die Gemäldefenster im Bereich des Hochchores und auf der Westseite des Mariendoms weisen zahlreiche Beschädigungen – zum Teil durch Granatsplitter vom Zweiten Weltkrieg – auf. Vor allem Witterungseinflüsse, Abgase, Vogelkot und die Umweltverschmutzung aus ca. 130 Jahren Industrialisierung, aber auch Rückstände von Rost auf der Glasoberfläche haben den Fenstern im Laufe der Zeit zugesetzt. Deshalb müssen in den kommenden Jahren 30 unserer Gemäldefenster restauriert werden. Eines davon ist genau dieses Fenster ‚Geburt Christi‘, es ist nächstes Jahr an der Reihe. Dann wird gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt entschieden, ob dabei diese Vertauschung auch wieder rückgängig gemacht wird.“

Herr Dompfarrer, welche Fragen löst dieses „verrückte“ Weihnachtsbild in Ihnen aus?

„Das Weihnachtsfest vermittelt vielfach den Anschein von Harmonie und Frieden. Zumindest spricht es die Sehnsucht danach an und berührt vielleicht auch gerade deshalb so viele Menschen. Dem gegenüber stellt dieses Fenster eine nicht so geordnete, nicht so perfekte Welt dar.

Es macht – wenn auch unabsichtlich – bewusst, dass nicht alles so zusammenstimmt, wie es unserem Wunschdenken und unserem Bedürfnis nach Ordnung und Harmonie oft entspricht.“

Welche Rolle spielt dabei der „holde Knabe im lockigen Haar“?

„Der ‚holde Knabe‘ löst in uns tiefe menschliche Gefühle aus: Einem Kind sind (halbwegs normale) Erwachsene nur gut. Zudem wird uns eine wichtige Erfahrung bewusst: Ein Kind kann sich entfalten, wenn es im Vertrauen darauf lebt, dass ihm die Erwachsenen gut sind. Das Weihnachtsfest weist weit über die Geburt Jesu hinaus. Es gibt den Anstoß, auf den ‚erwachsenen Jesus‘ zu schauen, darauf, wie Jesus als Erwachsener seinen Mitmenschen begegnet ist und sie spüren ließ: Ihr seid wertvoll und lebt unter der Zusage einer bedingungslosen Liebe!“

 

Übrigens: Mit dem Besuch der Pro-Mariendom-Glögg-Hütte bei Advent am Dom können Sie die Restaurierung dieses Glaskunstwerkes gleich mehrfach unterstützen:

  • Glögg und alkoholfreien Orangenpunsch genießen
  • Häferleinsatz in der Höhe von 2 Euro spenden

DANKESCHÖN!

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Foto: Diözese Linz

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